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29.05.2017 11:53

Stellungnahme der Lehrenden des Instituts

zu den Vorwürfen gegen die Fachschaft Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen im Kontext der Ereignisse im Epplehaus am 12. Mai 2017

Als Lehrende des Instituts für Erziehungswissenschaft möchten wir zunächst unsere tiefe Bestürzung darüber ausdrücken, dass sexualisierte Gewalt, die zumeist von Männern gegenüber Frauen ausgeübt wird, offenbar zu einem Bestandteil des Tübinger Nachtlebens zu werden droht.

 

Für uns steht völlig außer Frage, dass diese Gewalt strafrechtlich verfolgt und innerhalb der städtischen Einrichtungen, in denen sich die Vorfälle des 12. Mai ereignet haben, thematisiert und aufgearbeitet werden muss. Dies sollte unter dem größtmöglichen Schutz der Persönlichkeit der Opfer und ohne Vorverurteilungen möglicher Täter oder Gruppen von Tätern erfolgen. Es ist allein Sache der Strafverfolgungsbehörden, die Faktenlage zu klären, wie es auch im Fall des Vorliegens von Straftaten Sache der Rechtsprechung wäre, die Täter zu verurteilen. Dies muss als rechtsstaatlicher Konsens gelten wie auch die uneingeschränkte Solidarität mit den betroffenen Frauen.

 

Als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beobachten wir mit großer Sorge einen öffentlichen Umgang mit Fakten und Wahrheitsansprüchen, der in manchen Fällen einen zynischen Charakter annimmt, in anderen instrumentalisierende bis manipulative Formen. Dabei erscheinen unangemessene Vereindeutigungen, unzulängliche Vereinfachungen wie auch vorschnelle Urteilsbildungen bisweilen politisch und medial opportun zu sein. Diese Praxis widerspricht allen Prinzipien einer aufgeklärten Wissenschaft. Entsprechend bemühen wir uns auch darum, die Studierenden der Pädagogik bei der Ausbildung eines hohen Maßes an Reflexionsvermögen und vor allem Besonnenheit in der Urteilsbildung zu unterstützen – und eben dies auch als Vorbereitung für ihre spätere Berufstätigkeit.

 

Es ist der Fachschaft  Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen daher hoch anzurechnen, dass sie – konfrontiert mit einer unübersichtlichen Ereignislage, unklaren Verantwortlichkeiten und zu befürchtenden politischen Instrumentalisierungen – überaus besonnen reagiert hat: Sie hat von Beginn an das manifeste Problem sexualisierter Gewalt klar benannt, sich aber auch – und mit guten Gründen – eines vorschnellen Urteils über die (mutmaßlichen) Täter enthalten. Sie hat sich mit den von sexualisierter Gewalt betroffenen Personen solidarisch gezeigt und sich selbstkritisch mit Versäumnissen und Fehleinschätzungen in der Planung und Organisation des Festes im Epplehaus befasst. Sie hat überdies mit deren Vertreter_innen die Ereignisse nachbesprochen, Konsequenzen für die Planung künftiger Feste gezogen und sich zur Klärung und Aufarbeitung kompetente fachliche Unterstützung organisiert.

 

Aus diesen Gründen ist es widersinnig, der Fachschaft den Vorwurf des Verschweigens und Vertuschens zu machen. Vielmehr zeigt sich, dass sie – durchaus im Wissen darum, den Vorwurf zu riskieren, das Feld zu lange anderen, Ressentiment geladenen, menschenverachtenden, rassistisch aufgeladenen Stimmen zu überlassen – dem Reflex widerstanden hat, falsche Verallgemeinerungen vorzunehmen. Stattdessen verurteilen sie die für die Übergriffe ausnahmslos verantwortlich zu machenden Täter (siehe hierzu #ausnahmslos, http://ausnahmslos.org). Dabei haben sie die Opfer der Übergriffe im Blick und übernehmen gleichzeitig die Verantwortung dafür, Vorkehrungen zu treffen, dass sich sexuelle Übergriffe bei von ihnen organisierten Festen nicht wiederholen.

 

Wir sehen, welche Anstrengungen unternommen werden müssen, um der komplexen Situation gerecht zu werden. In diesem Zusammenhang begrüßen wir es, wenn nun eine Zusammenarbeit zwischen der Stadt und dem Epplehaus sowie verschiedenen Clubs stattfinden wird, um über strukturelle Maßnahmen nachzudenken, und hoffen, dass hierfür auch die nötigen Ressourcen bereitgestellt werden.

 

Auch wir sehen uns als Wissenschaftler*innen verpflichtet, an einem gesellschaftlichen Klima mitzuarbeiten, das Sexismen wie Rassismen gleichermaßen ächtet. Wir wenden uns jedoch ausdrücklich dagegen, die Verurteilung sexistischer Vorfälle mit rassistischen Zuschreibungen zu verbinden. Auch aus diesem Grund machen wir die Analyse und Kritik der gefährlichen Verkoppelungen von Sexismus und Rassismus innerhalb der Lehre zum Gegenstand. Gemeinsam mit der Fachschaft Erziehungswissenschaft setzen wir uns auch künftig dafür ein, die Universität als einen jener gesellschaftlichen Orte zu begreifen, an denen Praktiken der Diskriminierung, der Diffamierung und der Herabwürdigung zum Gegenstand kritischer Auseinandersetzung gemacht werden.

 

Der Vorstand des Instituts für Erziehungswissenschaft.