Jugendliche und Rauschtrinken: Evaluation subjektiver Begründungszusammenhänge hinsichtlich Einflussfaktoren, Motivation und Anreize beim Rauschtrinken

Auftraggeber: Bundesministeriums für Gesundheit

 

Laufzeit: Februar 2008 bis April 2009

 

Kooperation: Genderforschungsinstitut tifs e.V.

 

Projektteam: wissenschaftliche Leitung Dr. Gabriele Stumpp (Lehrstuhl Porf. Dr. Barbara Stauber); Mitarbeitende (inalphabetischer Reihenfolge): Florian Beulich, Margit Elsässer, Helga Huber, Mechthild Kiegelmann, Tina Knödler, Doreen Lebelt, John Litau, Elma Musabasic, Heidi Reinl, Barbara Stauber, Gabriele Stumpp, Sibylle Walter, Marc Weinhardt, Christian Wissmann

 

Forschungsdesign: qualitatives Design mit rekonstruktiven Interviews mit 30 rauscherfahrenen Jungen und Mädchen sowie ExpertInneninterviews mit 3 Schlüsselpersonen aus Jugendarbeit und Suchtprävention an drei Standorten in der Region (Großstadt; Mittelstadt; ländlicher Raum).

 

Der Abschlussbericht liegt vor:

 

Stumpp, Gabriele/Stauber, Barbara/Reinl, Heidi 2009: JuR "Einflussfaktoren, Motivation und Anreize zum Rauschtrinken bei Jugendlichen". Endbericht des Forschungsprojekts im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit, Berlin.

 

Sie können den Abschlussbericht hier downloaden.

 

Auszug aus dem Abschlussbericht (Stumpp u.a. 2009, 4-6):

 

„Rauschtrinken ist ein aktuelles Phänomen in der Bundesrepublik Deutschland, aber nicht nur hier. Auf den ersten Blick entwickelt sich derzeit unter Jugendlichen in Europa eine einheitliche ‚Rauschkultur’, in der sich die traditionelle, europäische Klassifizierung nach spirituosen-, bier- und weinkonsumierenden Kulturen nicht mehr aufrecht halten lässt. In der Tat zeigen jugendliche Trinkkulturen in Europa größere Ähnlichkeiten als die entsprechenden Erwachsenen-Trinkkulturen, aber sie sind dennoch in mancher Hinsicht unterschiedlich. Zu vermuten ist also, dass die Komplexität neuer (Jugend-)Trinkkulturen auf der Koexistenz von traditionellen und modernen Mustern des Alkoholkonsums bzw. globalisierten Trinkmustern basiert, wobei sich generell eine Tendenz zu Konvergenz im Sinne von „feuchten“ Kulturen zeigt, also solchen, in denen Alkoholkonsum in den Alltag integriert ist. Damit sind dringliche Fragen nach den Gründen und Kontextfaktoren des Rauschtrinkens unter Jugendlichen aufgeworfen, die in den bislang vorliegenden, überwiegend quantitativen Studien nicht beantwortet werden können. Wie verschiedene dieser Studien zeigen, ist der Alkoholkonsum der jüngeren Generation insgesamt zwar eher rückläufig; gleichzeitig weisen aber bestimmte Gruppen von (immer jüngeren) Jugendlichen eine Steigerung des Konsums von Alkohol auf.

Die vorliegende Untersuchung zielte darauf ab, detaillierte Antworten darauf zu finden, warum Gruppen von Mädchen und Jungen exzessiv Alkohol konsumieren und welche Arrangements sie dabei – auch unter Berücksichtigung regionaler Differenzierungen, der Gender-Perspektive sowie Migrationshintergrund und Schulbildung – entwickeln. Dabei sollte nicht nur die Problemdeskription im Vordergrund stehen, wie dies in den meisten, auch den bisher vorliegenden internationalen Studien der Fall ist. Ein wichtiger methodischer Schwerpunkt wurde auf die Erweiterung der Perspektive in Richtung der Lösungsansätze und Bewältigungsmuster gelegt, die Jungen und Mädchen im Kontext des Rauschtrinkens entwickeln und praktizieren. Mit diesem Vorgehen konnte eine Anzahl neuer Erkenntnisse gewonnen werden.

Rauschtrinken stellt unseren Ergebnissen zufolge ein jugendkulturelles Peer- Gruppenphänomen dar, in dem Alkoholkonsum stark ritualisiert sowie unter Entwicklung eines ausgefeilten Repertoires von Regeln und Normen stattfindet. Regeln und Normen beziehen sich darauf, wie der Alkoholkonsum bzw. das Verhalten unter Alkoholeinfluss innerhalb der Gruppen organisiert, aber vor allem auch reguliert wird. Zudem zeigt sich, dass Gruppenkontexte differenziert gesehen werden müssen; sie reichen mit Bezug auf den Alkoholkonsum von eher moderaten Arrangements bis hin zu hochriskanten Settings. Die dichten Beschreibungen von Szenarien und Arrangements des Trinkens in dieser Studie und die fundierten Einblicke in die Praktiken der Jugendlichen waren nur möglich durch die hohe Bereitwilligkeit der Jungen und Mädchen, sich zu den Interviews bereit zu erklären, ihr Vertrauen und ihre große Offenheit. Auffallend war, wie positiv die Jugendlichen die Möglichkeit aufnahmen, aus ihrer Lebenswelt berichten zu können ohne ‚bewertet’ oder ‚pädagogisch belehrt’ zu werden. Dadurch wurden offensichtlich bei den Jugendlichen viele Reflexionen in Hinblick auf das eigene Verhalten, Ziele und Erwartungen – nicht nur, aber auch in Hinblick auf Alkoholkonsum – möglich, die auch von den Befragten selbst als nützlich erlebt wurden. Dies kann, gerade auch unter präventiven Gesichtspunkten, ein Hinweis darauf sein, wie sinnvoll und notwendig es ist, die Subjektperspektive von Jugendlichen ernst zu nehmen und mit Mädchen und Jungen in einen intensiven Dialog zu treten.

Bemerkenswert sind die Ergebnisse dieser Studie zu den von Jugendlichen in der weiteren biografischen Perspektive formulierten Wünschen und Zielen. Geschlechter- und altersübergreifend visieren die Befragten auffallend starke „normalbiografische“ Entwürfe an, zu denen Schulabschluss, Beruf, Partnerschaft und Kinder ebenso gehören wie ein (nur noch) ‚normales’ Maß an Alkoholkonsum. Unter dieser Prämisse lassen sich die Bewältigungsmuster, die in den Gruppen erprobt werden, verstehen als Versuche in Richtung gesellschaftlich angepasster Konsummuster, kurz: der Erprobung eines „kontrollierten Kontrollverlusts“ mit dem Ziel eines „Maturing Out“. Gleichzeitig sind damit auch die Gefahren und Risiken für jene Jugendlichen angesprochen, bei denen defizitäre Bedingungen in der Lebenslage solche Ziele nur noch als Wunsch und Illusion aufscheinen lassen. Diese Jugendlichen laufen besondere Gefahr, dass die Gruppe, die zugleich Experimentier-, Schutz- und Risikoraum darstellt, sich am Ende vor allem in letztgenannter Funktion zeigt, weil es an Möglichkeiten und Alternativen in der Lebensgestaltung mangelt.

Jugendliches Rauschtrinken stellt sich damit weder als ‚Protesthaltung’ noch als ‚Antithese’ zu gängigen gesellschaftlichen Normen dar. Gerade das hier gefundene, ganz zentrale Muster der gegenseitigen Verantwortungsübernahme in der Gruppe relativiert stark das aktuelle – besonders durch die öffentlichen Medien verbreitete – Bild von rein hedonistisch orientierten, sich völlig unkontrolliert betrinkenden Cliquen. Es relativiert auch ein Stück weit jene Befürchtungen, die zunehmend von ExpertInnen in der Jugendarbeit geäußert werden: dass es immer weniger traditionelle Cliquen und dafür umso mehr ‚egozentrische EinzelakteurInnen’ gibt. Die vorliegende Studie hat eine dichte Fülle von spannendem Material über jugendkulturelle Praxen ergeben, welches im hier gegebenen Zeitrahmen leider nicht in jeder Hinsicht erschöpfend analysiert werden konnte. Vor allem finden sich in den mehr als 1000 Seiten Interviewmaterial auch zahlreiche Verweise auf biographische Entwicklungsprozesse, die Jugendliche in rauschtrinkenden Gruppen durchlaufen und darauf, wie und wodurch sich ihre Bewältigungsstrategien verändern. Die vorliegenden Ergebnisse lassen zur Frage nach der künftigen biografischen Entwicklung rauschtrinkender Jugendlicher nur sehr vage Hypothesen zu. Notwendig und sinnvoll wäre deshalb eine Langzeitstudie, um genauer jene Parameter herausarbeiten zu können, die letztlich über eher gelingendes Risikomanagement bzw. über die Entwicklung einer dauerhaften Suchtproblematik entscheiden.“